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Deutsche Sommerschule in Pidkamin/Ukraine. 3.-24. August 2003

// news //

Als ich im vergangenen Jahr gefragt wurde, ob ich bereit wäre ehrenamtlich an einer Sommerschule in der Ukraine, Deutsch zu unterrichten, und dabei, Land und Leute kennenzulernen, zögerte ich nicht lange, denn schon seit einigen Jahren war es mein Wunsch, ein osteuropäisches Land zu besuchen. Noch viel mehr interessierte es mich, byzantinisches Christentum mal nicht in einer Diaspora zu erleben.

So fuhr ich zusammen mit den anderen „Deutschlehrern“, begleitet von Oleksandr, einem ukrainischen Seminaristen, der im Collegium Orientale in Eichstätt studiert und diese Sommerschule mitorganisiert hatte, am 1. August mit dem Bus von Nürnberg in die Ukraine. Ich war voller Erwartungen und sehr aufgeregt, da mir nicht nur das Land und seine Sprache völlig unbekannt waren, sondern auch das Unterrichten...


Die Busreise war zwar lang (20 Stunden), aber es verlief alles gut. Um die Mittagszeit kamen wir am 2. August in Lviv an. Andriy, der auch Seminarist im Collegium Orientale ist und der Hauptorganisator des ganzen Unterfangens war, und noch andere Teilnehmer der Sommerschule hießen uns herzlich willkommen. Wir Lehrer wurden für eine Nacht in Lviv in Familien der Studenten untergebracht, wo wir ebenfalls sehr herzlich und unkompliziert aufgenommen wurden. An diesem unserem ersten Abend in der Ukraine waren wir von der UKU (Ukrainischen Katholischen Universität), welche die Trägerschaft dieser Sommerschulen übernimmt, in einem traditionellen Lokal zum Essen eingeladen worden; wir hatten so die Möglichkeit alle Lehrer kennenzulernen, auch diejenigen, die nicht von Nürnberg mit dem Bus gefahren waren. Zudem nahm der Vizerektor der UKU an diesem Essen teil und wünschte, daß jeder einzelne sich vorstelle und den Grund nenne, warum er/sie diese Reise unternommen habe.


Am 3. August (Sonntag) feierten wir die Göttliche Liturgie (Hl. Messe) an der Uni-versität: es waren schon alle Sommer-schulteilnehmer anwesend; anschließend fuhren wir mit dem Bus nach Pidkamin.


Ein friedvolles, freundliches, wir aus dem Westen würden sagen: verträumtes Dorf erwartete uns. Wir wurden in einem Internat untergebracht in mehr oder weniger großen Schlafsälen.


Der Tagesablauf, der nun die folgenden drei Wochen bestimmte, war ziemlich anspruch-svoll; ich brauchte eine Woche, mich an ihn zu gewöhnen. Jeden Tag begannen wir um 7.30 Uhr mit der Göttlichen Liturgie, anschließend gab es, nach dem Frühstück, zwei Unterrichtseinheiten: in der ersten wurde das Evangelium des folgenden Tages Nachmittagsunterricht im Freien


gelesen, erklärt und diskutiert; in der zweiten Einheit wurden die Studenten mit der deutschen Grammatik geplagt. Vor dem Mittagessen versammelten wir uns zum Mittagsgebet (Sechste Stunde). Am Nachmittag gab es wieder zwei Unterrichtseinheiten: in der ersten sollten die Studenten Hausaufgaben machen unter Beaufsichtigung der Lehrer; die zweite war fakultativ, abwechselnd boten die Lehrer, gemäß ihren eigenen Interessen und Begabungen, verschiedene Veranstaltungen an: Theater, Singen, Bibellesen, Texte und Filme zur deutschen Geschichte und Kultur, Texte zur Partnerschaft und Ehe u.v.a.m.



Nach vollbrachter Arbeit, versammelten wir uns um 17.30 Uhr zum dritten Mal zum Gebet. In der Vesper hatten wir die Möglichkeit, den Tag in die Hände Gottes zurückzulegen, ihn zu danken und zu loben. Nach dem Abendessen war es Studenten und Lehrern, sofern diese nicht Besprechungen bezüglich der Organisation oder des Unterrichtes hatten, frei ihre Zeit zu gestalten. Oft haben sich die Studenten in Gruppen zusammengeschlossen und Volks- oder Kirchenlieder mehrstimmig gesungen: für uns Deutsche war es jedesmal ein Genuß zuzuhören; trotz daß wir kein Wort verstanden, hörte es sich wunderschön an! Man konnte sich in der Freizeit auch sportlich betätigen mit Volley-, Fuß- oder Federball. Am schönsten fand ich es, spazierenzugehen: die Ruhe der weiten Landschaft mit den dichten Wäldern, goldfarbenen Feldern und intensiv-grünen Wiesen wahrzunehmen, den freilaufenden Gänsen und Hühnern zuzuschauen, und die herrlichen Sonnenuntergänge zu genießen. Jeder Deutsche hatte es festgestellt, daß die ukrainische Landschaft eine Weite hat, die wir in Westeuropa nicht kennen. Die Wolken scheinen größer zu sein, Himmel und Erde scheinen keinen Horizont zu haben, und doch meint man, daß der Himmel so greifbar nah ist. Die Nähe zum Himmel habe ich aber v.a. in den Gebetszeiten ge-spürt. Man muß byzan-tinische Gottesdienste erst intensiv erfahren, um sie zu verstehen. Die Herrlichkeit Gottes und das himmlische Jerusalem werden in der Liturgie durch den Gesang, den Gebeten, die nicht nur Christus, sondern auch die Muttergottes, alle Engel und Heiligen in die Feier der Eucharistie miteinbe- Im Zeichen der Ökumene beteten wir an einem Abend die Komplet ziehen, dem Weihrauch und den feierlichen Gewändern mitten in unser irdisches Dasein gestellt. Das Heilige, das immer ein Geheimnis bleibt, erfaßt Seele und Leib, durchdringt den ganzen Menschen.


Der geregelte Tagesablauf, durchsetzt mit drei Gebetszeiten, hatte klösterliche Akzente und war für die meisten der Sommerschulteilnehmer eine neue Erfahrung. Neben dem Deutschunterricht war die Teilnahme an den Gebetszeiten, der zweite verpflichtende Schwerpunkt. Vielleicht war der eine oder die andere zwischendurch müde, aber dennoch hat sich niemand beschwert, und jeder hat etwas für sich Positives daraus schöpfen können.


An den freien Tagen (Sonn- und Feiertage) haben wir oft etwas Außerordentliches unternommen. An einem Samstag pilgerten wir zu Fuß nach Pocaev, einem orthodoxen Wallfahrtsort. An einem anderen freien Tag fuhren wir auf Pferdewägen, was v.a. für uns Westler ein ganz neues Erlebnis war, zu einem benachbarten Dorf, das uns mit Blumen am Weg, Fahnen und dem traditionellen Brot mit Salz empfing. Wir beteten mit der Gemeinde und ihrem Pfarrer die Sechste Stunde und stärkten uns anschließend an dem von den Dorfbewohnern liebevoll gedecktem Buffet.



Die Atmosphäre auf der Sommerschule war einmalig schön, niemand war verschlossen oder hat nur an sich gedacht. Jeder bemühte sich freundlich, in christlicher Gesinnung mit dem anderen umzugehen. In solch einer Umgebung und mit diesen fleißigen Studenten war es freilich eine Freude, zu unter-richten. Ebenfalls in der Freizeit gab es zwischen


Fröhlich und ausgelassen mit dem Pferdewagen durchs Land Lehrern und Studenten viel Austausch. Die Studenten hatten die Möglichkeit, ihr Deutsch zu üben und zu verbessern, aber auch die Lehrer haben sehr viel lernen können! So fand ich es z.B. erstaunlich und bewundernswert, wie sehr die eigene Kultur hochgehalten und gerade unter den jungen Menschen gepflegt wird. Religion, Traditionen, das Reflektieren der eigenen Landesgeschichte werden nicht verdrängt, sondern gesucht und als Bestandteil der eigenen Identität entdeckt. So ein gesunder Nationalstolz würde auch den Deutschen gut tun.


Es ist zu wünschen, daß es noch viele solche Sommerschulen geben kann, die den ukrainischen Studenten und Studentinnen ermöglichen, ihr Deutsch zu vertiefen, um so Zugang zur deutschen Literatur zu haben und ihr Wissen erweitern zu können; und wiederum den „Deutschlehrern“ die Möglichkeit geben, etwas von sich interesselos geben zu können, indem sie ihre Zeit und Fähigkeiten zur Verfügung stellen, und zu einer umfassenden Ausbildung der zukünftigen christlich gesinnten Akademiker, die die Ukraine als Land im Neuaufbau unbedingt braucht, beitragen.


Inés Antulov M.A.








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